The Disappeared

Schwarz und Weiß. Realismus, nahe an der Fotografie. Landschaften, die im weißen Nichts zu verschwinden scheinen. – Drei Faktoren, die man in der Malerei Stephan Kaluzas kennt; bis vor einiger Zeit montierte er diese Gemälde in halbtransparente Plexiglaskuben, so dass ein diffuser Nähe-Distanz-Effekt zutage trat (s. u.a. „Distanz“, 2001, Galerie Michael Schultz, Berlin); – Bilder, die sich dem Betrachter entziehen wollten, seine trainierten Sichtweisen ins Absurde führten.

Auch wenn Kaluza jetzt auf die gewohnten Glaskuben verzichtet hat und die Malerei quasi Eins zu Eins sichtbar ist, so verfolgt er nach wie vor seine künstlerische Prämisse – die Hinterfragung der Wahrnehmung von Bildern. Die abgebildeten Landschaften, zumeist Großformate, scheinen sich in einer unwirklichen Ferne zu verlieren, der Weiß-Anteil nimmt im Hintergrund zu, bis die letzten Konturen nur noch zu erahnen sind. Im Vordergrund hingegen herrscht eine genaue Maltechnik – vom Grashalm zu Laub und Gestein ist alles Sichtbare minutiös nachempfunden - Flächen, Veränderungen und Deformationen wurden bewusst außen vor gelassen, es zählt die Mimesis, die absolute Darstellung der Welt, so, wie sie gesehen wird. Mit dieser Detailliebe mag man dem Künstler eine Bewunderung für die immanente Ästhetik der Natur attestieren, nicht minder aber auch Respekt; - Kaluza wäre nicht der erste Maler, der sich vor der Natur verneigt und im Nachempfinden eine Sinnsuche betreibt – aber auch eine Sehnsuchtssuche. Nahezu allen Bildern ist eine ausgeprägte Tiefenwirkung gemein; mehrfach sind es Flüsse oder Seen, die auf den Horizont zulaufen, also durchaus Szenarien, die in ihrem eigenen Verschwinden bewusst an spätromantische Motive und Ideale erinnern, an die Vergänglichkeit, mitunter auch Flüchtigkeit des Lebens. In der Phrase Et in Arcadia Ego verdichtete sich seinerzeit diese sehnsuchtsvolle Suche nach dem landschaftlichen Idyll, dem einen Ort fern der Not und der Sorgen des Realdaseins. Das Idyll. - Sicher, heute eine heimelige Vorstellung für notorisch Überzivilisierte, die es immer wieder sonntags an den plätschernden Bach im Park zieht; aber ebenso auch ein Ventil des Innehaltens und Reflektierens zum eigenen Ich: das Idyll ist immer retrospektiv und in der Vergangenheit verankert - Erfahrungen, die z.B. in der Kindheit gemacht wurden, kommen dem Erwachsenen als positiv und sehnsuchtsvoll daher, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprechen muss – das Idyll geht Hand in Hand mit der Infiltration der Zeit ... die bekanntlich alle Wunden heilt. So führt uns das paradiesische, landschaftliche Idyll zuerst einmal unsere eigene (mitunter sehr persönliche) Sehnsucht nach Schönheit und Reinheit vor Augen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund sind in Kaluzas Bildern nur selten oder gar nicht menschliche Einflüsse, wie z.B. architektonische Elemente, zu finden; obwohl sie auf seinen fotografischen Vorlagen vorhanden sind, blendet er sie in seinen Gemälden bewusst aus, die Landschaften rücken also „zurück“ in den Urzustand ihrer selbst.

Und sie verschwinden.

In jedem Bild, in jedem Blickwinkel, immer wieder eine neues, anderes Verschwinden. Allein in diesem Verschwinden liegt der Eingriff und somit die augurische Interpretation der Malerei, zeigt das Vergehen doch den sich abzeichnenden Untergang dessen an, was wir da großformatig sehen. - Eine Natur, die sich von uns, dem Menschen, immer mehr entfernt, quasi im eigenen Untergang ihr besonderes Eigenleben entwickelt, so, als hätte es mit uns nichts mehr zu tun. Die bekannten Assoziationen gehen einem hier natürlich durch den Kopf – der Klimawandel, die Radikal-Ausbeutung der globalen Natur, die wir heute nicht mehr zu schätzen wissen, oder in deren Kooperation wir erst noch zu leben lernen müssen; der Mensch, so scheint es, hat auf diesem Planeten seine eigene Blase definiert, aus der er teilnahmslos und mitunter arrogant auf die Wälder herabsieht, aus denen er kam – eine Frage der Zeit, bis sie platzt, diese Blase eines evolutionär-mutierten Gehirns. Der Komet, so Friedrich Dürrenmatt, zeigt sich erst beim Sterben in seiner ganzen Schönheit, wenn er als Feuerschweif in der Erdatmosphäre verglüht; vorher, während er jahrtausendelang durch das All flog, war er nicht viel mehr als ein langweiliger Brocken aus Gestein, Erzen und Gas. So auch die verschwindende Schönheit der Natur in diesen, vielleicht traurigen Bildern.

Kaluzas Bilder funktionieren, wie von ihm gewohnt, immer zweigleisig – die Form ergänzt den Inhalt und umgekehrt, so ist auch hier die Auswahl der landschaftlichen Motive nicht dem Zufall überlassen. - Sicher, Titel, wie u.a. „Schottische Landschaft“, „Skandinavische Landschaft“, verweisen auf die Reisen, während derer er seine verlassenen Landstriche fand; andere Titel muten untrainierter an: „Sola“ und „Oswiecim“ erschließen sich nicht sofort, bedeuten dafür um so mehr. Der Fluss Sola fließt direkt an der Gedenkstätte Auschwitz I des heutigen Oswiecim in Südpolen, es sind nur wenige Meter vom Stacheldraht des ehemaligen KZs bis zu den idyllisch anmutenden Ufern dieses Flusses. Als Kaluza im vergangenen Sommer die Fotos, die Vorlagen zu seiner Malerei, dort machte, waren es um die 30 Grad und die Bewohner Oswiecims, zumeist Familien, gingen zum Baden an den Fluss. Derart sind fröhlich wirkende Aufnahmen einer Flusslandschaft entstanden, die einem in gewisser Weise „im Halse stecken bleiben“, sind wir uns doch bewusst, dass wir Namen wie Auschwitz kaum mit einem Idyll in Verbindung bringen können und wollen. Es sind also vermeintliche Idyllen, die wir da sehen, eine Oberflächenmatrix des Schönen, die zur Hinterfragung dient – in wie weit ist Bildern zu trauen, wie sehr ist unser Schönheitsempfinden vom (besseren) Wissen abgekoppelt? Nicht zuletzt durch diese Fragestellungen rückt Kaluzas Malerei in die Nähe der sehr inhaltlich gelagerten Konzeptkunst und verweist auf den Titel „The Disappeared“. Was ist in diesen Bildern wirklich verschwunden? - Manche Orte geben den Hinweis.